Die vor ein paar Jahren auf den Markt gekommene Live-Sonar Technologie polarisiert stark und sorgt weiterhin für viele Diskussionen über die Risiken und Vorteile. Wissenschaftliche Daten und Studien zu den Auswirkungen auf die Fischbestände gibt es nur wenige – in einer kürzlich veröffentlichten Literaturanalyse wurden diese Datenlage nun zusammengefasst.
Technologischer Fortschritt
Die Effizienz in der Angelfischerei hat sich im Laufe der Zeit durch zahlreiche Fortschritte und Innovationen im Bereich Ruten, Rollen, Köder, Elektronik und Zubehör stetig verbessert. Für kaum eine Fischereimethode lässt sich noch eine zeitgemässe Ausrüstung zusammenstellen, die ganz ohne Hightech-Materialien der neusten Generation auskommt. Weltweit ist die Angelfischerei ein milliardenschweres Geschäft, in dem Hersteller mit aufwändigem Marketing ihre Produkte bewerben und über die sozialen Medien verbreiten sich die neusten Trends, Techniken und Technologien in kürzester Zeit.

Die Technik in der Fischerei hatte schon im letzten Jahrzehnt durch GPS-basierte Navigation, Gewässerkarten, und verbesserte Echolottechnik enorme Fortschritte gemacht. Nun hat die Technik mit den Live-Echoloten nochmals einen Sprung genommen. (Abbildung: Cooke et al., 2021)
Echolote mit hochauflösenden bildgebenden Technologien mit Perspektive gegen unten oder seitlich vom Boot sind grundsätzlich nichts Neues. Es ist damit schon längere Zeit möglich, hochauflösende Bilder von Strukturen, Totholz aber auch Fischen zu nutzen, um die vielversprechendsten Stellen für gute Fänge zu finden. Traditionelle Echolottechnologien wurden auch in der Vergangenheit von Spezialisten schon dafür eingesetzt, gezielt Raubfische im Freiwasser zu suchen, ihnen den Köder zu präsentieren und ihre Reaktion zu beobachten.
Seit 2015 hat die sogenannte Live-Sonar Technologie den Echolotmarkt richtiggehend revolutioniert und wird fortlaufend verbessert. Moderne Live-Sonar-Geber machen es dank immer höherer Rechenleistung möglich, die Bewegung von Fischen in Echtzeit und in für ein Echolot vergleichsweise hoher Auflösung darzustellen. Man kann damit abschätzen, in welcher Entfernung zum Boot und in welcher Tiefe ein Fisch steht, bzw. in welche Richtung er sich bewegt und die Grösse abschätzen. Mit einer gewissen Unsicherheit kann auch die Fischart über die Silhouette bestimmt werden. Zusätzlich kann die Reaktion des Fisches auf den Köder beobachtet und entsprechend reagiert werden.
Bessere Fänge dank Live-Sonar?
Leider gibt es bis anhin kaum Studien über die langfristigen Auswirkungen von Live Sonar Fischerei auf die Fischbestände. Eine kürzlich veröffentlichte Studie hat den Einfluss der Live-Sonar Fischerei auf Sonnenbarschbestände in mehreren Seen in Texas untersucht (Smith et al., 2025). Der Fokus lag dabei auf Veränderungen der Fangraten und mögliche Überfischung der Bestände im Vergleich zur traditionellen Fischerei. Die Nutzer von Live-Sonar hatten auf den meisten untersuchten Gewässern höhere Fangraten und die Altersstruktur und Grösse ihrer Fänge unterschied sich signifikant von jenen Fischern, die kein Live-Sonar nutzten. Durch den gezielten Fang großer Individuen können sich langfristig Bestandsstrukturen verschieben und eine selektive Entnahme grosser Individuen kann möglicherweise den Fortpflanzungserfolg beeinflussen. Dies wirft Fragen zur Regulierung der Live-Sonar Nutzung auf. Die Autoren der Studie schlagen vor, dass das Fischereimanagement künftig technologiebedingte Fangvorteile stärker berücksichtigen sollte. Ein unbegrenzter Einsatz könnte laut Studienautoren Fischbestände gefährden, insbesondere bei stark befischten oder empfindlichen Arten.
Eine andere Studie führte ein Experiment mit 32 Anglern im Milford Reservoir in Kansas durch (Neely et al., 2022). Die Angler wurden in 16 Teams aufgeteilt und jedes Team fischte an zwei Tagen – einmal mit Live-Sonar und einmal ohne mit dem Ziel, möglichst viele Sonnenbarsche zu fangen. Die Reihenfolge und die Seehälfte wurden zufällig zugewiesen. Die Studie konnte aufgrund der Live-Sonar Nutzung keine Unterschiede in der Fangmenge und Grösse feststellen. Die Autoren betonen jedoch, dass diese Ergebnisse spezifisch für das untersuchte Gewässer und den Zeitraum gelten und nicht ohne Weiteres auf andere Situationen übertragbar sind. Dieselben Autoren untersuchten in einer anderen Studie den Einfluss der Live Sonar Nutzung auf Blaue Katzenwelse, einer deutlich grösseren Art. Auch hier konnte sie keine erhöhten Fänge bei der Nutzung von Live-Sonar feststellen, weder die Anzahl noch die Grösse der Blauen Katzenwelse erhöhte sich bei Live-Sonar Anwendung. Allerdings zeigte die Studie, dass das Verhalten der Angler von der Live-Sonar Technologie beeinflusst wird: Deren Nutzer verbrachten viel mehr Zeit mit der Suche nach Fischen. Angler ohne Live-Sonar glaubten, dass sie mit der Technologie erfolgreicher gewesen wären, während Angler mit Live-Sonar ihre Fangchancen als ähnlich einschätzten. Die Technologie führte zu veränderten Suchstrategien, ohne jedoch die Fangraten signifikant zu erhöhen. Die Autoren vermuten deshalb, dass der Einsatz von Live-Sonar das Verhalten und die Wahrnehmung der Angler mehr beeinflusst als den tatsächlichen Angelerfolg.
Hintz et al. (unpublizierte Resultate) stellte bei nordamerikanischen Zandern (Walleye) fest, dass die Fangraten in klaren und nährstoffarmen Gewässern mit dem Live-Sonar erhöht waren, während die Technik in trüben und nährstoffreichen Gewässern keine Vorteile brachte. Darüber hinaus gab es Unterschiede zwischen verschiedenen Anglern, Jahreszeiten und Sonar-Modellen. Dies könnte für die Schweiz mit den zahlreichen kalten und tiefen Alpenrandseen durchaus relevant sein.
Was bedeuten die Live Sonar-Technik für den Tierschutz?
Nicht nur die Frage nach dem Einfluss auf den Fangerfolg und die Bestandessituation ist entscheidend. Die Live-Scope Technik verändert auch die Fischerei hinsichtlich des Tierschutzes. Das vielfach praktizierte Catch&Release beeinträchtigt den Bestand der grossen Laichtiere zwar nicht stark, sorgt allerdings für ein tierethisches Problem. Zum einen tritt eine gewisse Sterblichkeit nach dem Freilassen auf, zum anderen besteht ein ethisches Problem, da gezielt Fische gefangen werden, welche nicht entnommen werden sollen. Diese Praktik verstösst gegen das gültige Schweizer Tierschutzgesetz. Dies führt auch zu einem sozialen Problem unter Fischern und senkt die Akzeptanz der Live Sonar Fischerei.
Wie weiter?
Die Einführung von Live-Sonar-Systemen wie LiveScope hat die Angelfischerei erheblich verändert und bietet Anglern neue, präzise Möglichkeiten, Fische zu finden und zu fangen. Die bisherigen Studien zeigen jedoch, dass die Technologie nicht immer zu höheren Fangraten führt. Während in einigen Fällen eine Verbesserung der Fänge nachgewiesen wurde, gab es auch Studien, in denen keine signifikanten Unterschiede festgestellt wurden. Es wurde jedoch eindeutig, dass das Verhalten der Angler durch den Einsatz von Live-Sonar beeinflusst wird, etwa in der Art und Weise, wie sie nach Fischen suchen. In den Fällen, wo die Fangrate von kapitalen Fischen erhöht wird, kann die Live-Technik zudem auch zu einem sozialen Konflikt führen, da die Fangchancen für die übrigen Angler vermutlich reduziert werden. Es kann also zu einer ungleichen Verteilung der Fänge kommen. Eine faire Verteilung der Fänge ist ebenfalls teilweise ein Ziel der Fischereiverwaltungen.
Abbildung übersetzt aus dem Englischen von Cooke et al., 2025
Insbesondere bei stark befischten Gewässern oder empfindlichen Fischarten könnte eine unregulierte Nutzung von Live-Sonar langfristig negative Auswirkungen auf die Bestände haben. Um diese Risiken zu vermeiden, könnte es notwendig werden, spezifische Regeln für den Einsatz solcher Technologien zu entwickeln. So wurde an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommer in Deutschland zum Beispiel das aktive Suchen von grossen Fischen eingeschränkt. Die Live-Technologie darf dort nur auf verankerten Booten oder von treibenden Booten mit Driftsack eingesetzt werden. Auch Verbote werden immer mehr ein Thema. In der Schweiz ist der Einsatz der Live-Sonare aktuell auf dem Vierwaldstättersee sowie auf dem Sarnersee verboten. Auf dem Vierwaldstättersee führte das Verbote zu einer Beschwerde der Nutzer, welche aber vor Bundesgericht abgewiesen wurde. Weiter gilt neu ebenfalls ein Verbot auf dem Luganersee und dem Lago Maggiore.
Für Angler selbst bedeutet der Einsatz von Live-Sonar auf jeden Fall eine neue Verantwortung. Die Technologie bietet viele Vorteile, doch sollten sich Angler bewusst sein, dass ihre Fangmethoden auch Auswirkungen auf die Bestände und somit auf die eigenen zukünftigen Fangchance haben können. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Technologie ist daher ebenso wichtig wie der respektvolle Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Möglichen negativen Auswirkungen des Einsatzes von Live-Sonaren könnten durch eine Regulation der Technik, zeitliche oder örtliche Einschränkungen, Verbote bestimmter Praktiken oder auch durch eine angepasste Ausbildung entgegengewirkt werden. Es bleibt zu hoffen, dass zukünftige Forschung mehr Klarheit über die langfristigen, ökologischen Auswirkungen der Nutzung von Live-Sonar-Technologie bringen wird.
Literatur:
Steven J Cooke, Ben C Neely, Caleb T Hasler, Jason D Schooley, Jacob W Brownscombe, Luc LaRochelle, Andy J Danylchuk, Taylor L Hunt, Jacob D Norman, Emerging live sonar technologies in freshwater recreational fisheries: Issues and opportunities, Fisheries, Volume 50, Issue 2, February 2025, Pages 66–74, doi.org/10.1093/fshmag/vuae003
David R Smith, Daniel L Bennett, Jacob D Norman, Micheal S Allen, Live-imaging sonar use in Texas crappie fisheries: Examining population-level responses due to potential increases in exploitation, Fisheries, Volume 50, Issue 4, April 2025, Pages 151–162, doi.org/10.1093/fshmag/vuae015
Ben C. Neely, Jeff D. Koch, Keith B. Gido, Effects of live‐imaging sonar on Blue Catfish angler success, perception, and behavior, North American Journal of Fisheries Management, Volume 43, Issue 6, December 2023, Pages 1765–1771, doi.org/10.1002/nafm.10958