Dieser unscheinbare Kleinfisch ist in der Schweiz immer noch weit verbreitet und in manchen Bergseen kommt er sogar massenhaft vor. Aus vielen Gewässern sind die Elritzen allerdings verschwunden. Dieser rätselhafte Unterschied lässt sich dank neuer genetischer Untersuchungen besser verstehen. Es gibt nämlich nicht nur eine, sondern mindestens vier verschiedene Elritzenarten in unserem Land – und sie haben ganz unterschiedliche Ansprüche an ihren Lebensraum.
Der Schweizerische Fischereiverband hat für das noch junge Jahr 2026 einen Fisch des Jahres gewählt, über den es noch viel zu entdecken gibt: die Elritze (Phoxinus spp.).
Bei der Nomenklatur dieser Tiere wird man allerdings noch einmal über die Bücher gehen müssen! Dank genetischer Studien wissen wir nämlich seit kurzem, dass dieser nur wenige Zentimeter grosse Fisch mit dem lateinischen Namen Phoxinus phoxinus in der Schweiz gar nicht vorkommt. Stattdessen sind hier mindestens vier andere Elritzen-Arten verbreitet:
- Phoxinus csikii – Donau-Elritze
- Phoxinus septimaniae – Französische Elritze
- Phoxinus lumaireul – Italienische Elritze (südlich der Alpen)
- Eine weitere, noch genauer zu bestimmende Art – See-Elritze (provisorischer Name)
Abb. 1: Die Verbreitungsgebiete der Elritzen in der Schweiz. Dr. Bárbara Calegali.
Die Elritze ist eine versteckte Art, d. h. mehrere Arten wurden bis anhin als eine einzige Art klassifiziert, da sie sich morphologisch nur schwer unterscheiden lassen. Dasselbe gilt auch für Felchen, Forellen und Groppen. Heute ist es dank der Entwicklung neuer Analysemethoden (insbesondere molekulare Taxonomie und DNA-Barcoding) aber möglich, die genetischen Merkmale dieser Arten genauer zu bestimmen. Und es gibt viel mehr Elritzen-Arten, als man bis anhin dachte! Diese Ergebnisse stammen aus Forschungsprojekten des Eawag (insbesondere dem Projet Lac und Progetto Fiumi) und der Wyss Academy for Nature, kombiniert mit genetischen Studien. Vieles muss aber noch genauer untersucht und bestimmt werden. Das ist übrigens einer der Gründe, weshalb die Zahl der Fischarten in der Schweiz in den letzten Jahren stetig zugenommen hat. Hinzu kommt, dass Kreuzungen zwischen verschiedenen Elritzen-Arten ebenfalls möglich sind. All dies macht ihre Bestimmung umso schwieriger.
In der Regel bewegen sich Fische innerhalb von Einzugsgebieten oder indem sie den grossen Flusssystemen folgen. Dies gilt teilweise auch für die Elritzen, die heute in ganz Europa zu finden sind. Gewisse Arten teilen sogar das gleiche Verbreitungsgebiet, was bedeutet, dass sie ökologisch unterschiedliche Lebensräume und ökologische Nischen besetzen.
Allerdings hängt die Präsenz dieses kleinen Fisches oft auch mit jener von Forellen zusammen, wahrscheinlich, weil sie lange als lebendige Köderfische genutzt wurden. Ihre geografische Verbreitung wurde somit durch menschliche Aktivitäten beeinflusst, was ihre Bestimmung noch komplexer macht. So ist es heute beispielsweise nicht ungewöhnlich, Elritzen-Populationen in alpinen Bergseen vorzufinden.
Es ist schwer zu sagen, ob die Elritzen-Art Phoxinus phoxinus in der Vergangenheit in der Schweiz angesiedelt war und dann verschwunden ist, oder ob sie gar nie hier vorkam und es sich um einen Bestimmungsfehler handelt. Wie dem auch sei: Die neuen Daten liefern sehr interessante Informationen, die wichtig sind für ein sinnvolles Management der vier hier heimischen Arten dieses Fisches, damit Kreuzungen und ein Verlust der genetischen Vielfalt vermieden werden können. Ebenso dürfte es notwendig sein, den Schutzstatus dieser Arten zu revidieren. Aktuell gilt die Elritze als nicht gefährdet (LC).
Kurz zusammengefasst bestätigen diese neuen Erkenntnisse über die Elritze die Bedeutung des Mottos «Wissen ist der beste Schutz». Dies gilt umso mehr, wenn es sich um kleine Arten handelt, die keinen kommerziellen Wert haben und der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass der Schutz dieses «Futterfisches» auch allen anderen kleinen Fischen und denjenigen zugute kommen, die sich von ihnen ernähren!
Mehr Infos zu den Elritzen der Schweiz und den Unterschieden zwischen den Arten